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Thomas Finn: Weißer Schrecken

Geschrieben von am 21. November 2010 – 20:33Ein Kommentar

Der Nikolaus-Mythos. Von Kindern in aller Welt geliebt und von Erwachsenen verehrt. Doch ein Mystery-Thriller der besonderen Art wirft ein völlig anderes Licht auf die alten Legenden: Weißer Schrecken von Thomas Finn. Phantastik-Journal durfte den Autor ein wenig zum Entstehen des Romans befragen.

Hallo Tom. Bislang kennt man dich ja als erfolgreichen Jugendromanautor (“Die Chroniken der Nebelkriege” / “Die Wächter von Astaria”) und für deine zahlreichen Beiträge für das Rollenspiel “Das schwarze Auge”, um nur einige deiner Werke zu nennen. Mit deinem neuen Roman (“Weißer Schrecken”, Thriller, erscheint November 2010) verschlägt es dich in neue, eher ungewohnte Gefilde: dem Mystery-Thriller. Was bedeutet das für dich?

Tom Finn:
Nun, „Weißer Schrecken“ ist insofern eine Premiere, als dass ich meiner Leidenschaft für Gruselgeschichten erstmals in einem Roman Ausdruck verleihen durfte. Seit der Entdeckung von H.P. Lovecraft und Edgar Allen Poe vor langer Zeit, gehört dieses Genre zu meinen ganz persönlichen Favoriten.

Die Figur des Knecht Ruprecht ist eine althergebrachte Gestalt, um diese sich viele, aber nicht nur angenehme Legenden ranken. Was vielen Menschen womöglich gar nicht bewusst ist. Wie bist du auf die Idee gekommen, den heutzutage als Begleiter des Weihnachtsmannes bekannten Helfer derart in deinem Roman unterzubringen? Steckt dahinter vielleicht eine Art von Kindheitsphobie? ;)

Tom Finn:
(lachend) Nein, dahinter steckt ganz gewiss keine Kindheitsphobie. Ich habe das Nikolausfest immer geschätzt, war es doch stets mit den schönsten Leckereien verbunden. Ich bin auf den Mythos um Knecht Ruprecht vor einigen Jahren im Rahmen von vorweihnachtlichen Recherchen aufmerksam geworden. Damals wusste ich selbst nicht so recht, worauf der Mythos um Knecht Ruprecht eigentlich fußt. Ich kannte ihn natürlich als finsteren Begleiter des Weihnachtsmanns, das war es aber auch schon. Ich habe diesen Begleiter all die Jahre genau so stillschweigend hingenommen, wie wahrscheinlich die meisten von uns. Auch wenn ich mich gewundert hatte, was es mit der Figur eigentlich auf sich hat. Als ich dann herausfand, dass hinter dem Knecht Ruprecht ein alter Kinderfresser-Mythos steckt, begann ich aufzumerken.

Ein Thriller, verquickt mit alten Legenden, wie zum Beispiel die vom Knecht Ruprecht. Ein spannendes Rezept für einen Mystery-Thriller. Welchen Reiz übt das auf dich aus?

Tom Finn:
In diesem Fall bestand der Reiz ganz konkret darin, dass der unheimliche Hintergrund um den rauen Knecht ein sehr realer ist. Er erlaubte mir, einen Mystery-Thriller zu schreiben, der nicht einfach nur Unterhaltungsaspekten geschuldet ist, sondern haarscharf an der Realität vorbeischrammt. Gerade das macht die Handlung ja so beklemmend. Quasi alles, was ich in dem Thriller an historischen Informationen eingebaut habe, entstammt akribischen Recherchen. Schon bei „Der Funke des Chronos“ hatte mir diese Verquickung von Fakt und Fiktion einen großen Spaß gemacht. Wenn der Leser das Nikolausfest anschließend mit etwas anderen Augen betrachtet, habe ich eines meiner Ziele erreicht. Mein Hauptziel bestand natürlich darin, auf möglichst gruselige Weise zu unterhalten.

Besteht deinerseits eine besondere Beziehung zum Berchtesgadener Land, in der die Geschichte unter anderem spielt?

Tom Finn:
Für mich persönlich weniger, für den Mystery-Thriller ist die Beziehung sogar ziemlich entscheidend. Denn in Berchtesgaden wird auch heute noch das alte Brauchtum des Perchtenlaufs gepflegt, bei dem in der Vorweihnachtszeit schreckliche Krampusse, Schön- und Schiechperchten ihr Unwesen treiben. All das ist eng mit dem Mythos um den Knecht Ruprecht verbunden. Insofern war die süddeutsche Region als Bühne für den Roman die allererste Wahl.

Die Ortschaft Perchtal ist von dir eigens für den Roman erdacht worden. Gibt es dennoch ein passendes Gegenstück in der Realität?

Tom Finn:
Nein, zumindest nicht, dass mir das bewusst wäre. Ich hatte zwar mittels Luftaufnahmen nach einem Ort im Voralpenland gesucht, der meinen Bedürfnissen entsprach, aber leider keinen gefunden. Die Bewohner einer realen Ortschaft hätten mir das aber vielleicht auch übel genommen. Ich habe mich daher ganz bewusst für den fiktiven Ort Perchtal entschieden. Auch, da ich im Namen des Ortes schon einen ersten Hinweis verstecken konnte. Perchta ist nämlich eine keltische Göttin, die mythisch auch hinter dem Perchtenlauf steckt. Berchtesgaden lautet übersetzt „Perchtas Garten“.

Wie hat sich deine Recherche für diesen Roman gestaltet?

Tom Finn:
Es war zum Beispiel sehr sinnvoll, sich für die Gestaltung des fiktiven Perchtals mit dem Aufbau von alpinen Dörfern zu befassen. Immerhin, einer meiner Freunde verbrachte seine komplette Kindheit in Berchtesgaden. Das war neben meinen Internet-Recherchen sehr nützlich. Mir als Nordlicht musste er erst einmal erklären, dass man nicht unbedingt von Norden spricht, sondern von unten. So ist das eben, wenn man in den Bergen aufwächst. Der Rest bestand aus akribischer Internet- und Buchrecherche.

Der 6. Dezember: Jetzt lieber Christkind oder doch noch der Nikolaus?

Tom Finn:
Solange beide mit Glühweinbuden aufwarten, ist mir der eine ebenso recht, wie das andere. Schicker ist natürlich der Nikolaus.

Hat sich deine Einstellung zu diesem “Feiertag” seit deiner Recherche eigentlich gewandelt?

Tom Finn:
Ja, natürlich. Die Recherchen zu „Weißer Schrecken“ waren wirklich ein Augenöffner. Ich wusste zwar, dass die katholische Kirche in ihrer Geschichte allzu gern heidnische Glaubensbestandteile bekehrter Völker vereinnahmt hat, um den Bekehrten den Religionswechsel zu erleichtern. Doch was ich bis dahin nicht wusste, war, zu welch unheimlicher Vermischung das im einstmals keltischen Voralpenland geführt hat. Nikolaus, Knecht Ruprecht, Perchta, Wotan, Frau Holle, die Wilde Jagd, Raunächte – all diese Bestandteile der Folklore schrieen förmlich danach, in einer Gruselgeschichte verwoben zu werden.

Ideenfindung ist für einen Autor ja zumeist kein Problem. Doch welche Orte inspirieren dich besonders? Gibt es einen speziellen Platz, den du immer wieder aufsuchst?

Tom Finn:
Wenn, dann ist das vermutlich mein mit Büchern vollgestopftes Arbeitszimmer. Hier schreibe ich und hier grüble ich über neue Stoffe nach. Außerdem darf ich hier rauchen.

Was können wir als nächstes von dir erwarten? Noch ein Thriller oder geht es danach zurück an einen fantastischen Jugendroman?

Tom Finn:
Zweiteres will ich nicht ausschließen… Derzeit schreibe ich an einem Roman für Markus Heitz’ spannende Justifiers-Reihe. Ich wage mich also an einem Abstecher in die Science-Fiction oder Space Fiction, wie Markus Justifiers zurecht bennent. Der Roman trägt den Arbeits-Titel „Mind Control“ – und ich habe gerade mal wieder sehr viel Spaß beim Schreiben!

Vielen Dank für das nette Interview.

„Weißer Schrecken“ von Thomas Finn erschien im November 2010 bei Piper. Einen ersten Einblick gibt es im offiziellen Buchtrailer!

Zum Inhalt
Die kalte Jahreszeit in Perchtal, einem einsamen Dorf im Berchtesgadener Land, scheint besinnlich wie immer. Bis eine Gruppe Jugendlicher einen grauenhaften Leichenfund macht: Ein junges Mädchen treibt unter dem Eis eines Sees, und es ähnelt den Zwillingen Miriam und Elke auf verblüffende Weise. Doch die beiden wissen nichts von einer Verwandten … Bei ihren Nachforschungen stoßen die Freunde auf ein blutiges Geheimnis, das der Pfarrer des Dorfs hütet. Und sie schrecken dabei eine uralte Macht auf, die ihre Rückkehr in unsere Welt vorbereitet.

Über den Autor
Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren und lebt heute in Hamburg. Der ausgebildete Werbekaufmann und Diplom-Volkswirt ist preisgekrönter Spiele- und Romanautor und hat einige Jahre als Lektor und Dramaturg sowie als Chefredakteur bei Nautilus gearbeitet. Im Spielbereich stammen zahlreiche Abenteuer-Publikationen aus seiner Feder, darunter weit über ein Dutzend Titel des beliebten deutschen Fantasy-Rollenspiels Das Schwarze Auge. Hauptberuflich arbeitet er als Roman-, Spiel-, Theater- und Drehbuchautor. Mit seinem Roman »Das unendliche Licht« gewann er 2007 die Segeberger Feder. »Weißer Schrecken« ist sein neuer Mystery-Thriller bei Piper.

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