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Sabine Wassermann

Geschrieben von am 2. April 2010 – 23:25Kein Kommentar

Sabine Wassermann

Sabine Wassermann ist wohl eine der vielseitigsten deutschen Schriftstellerin der Gegenwart. Ihre Bücher, ob aus dem Genre Fantasy oder historischer Roman, haben bereits eine Vielzahl von Lesern in ihren Bann geschlagen. Im Interview mit uns berichtet Frau Wassermann nun über ihre Intention beim Schreiben, über ihren ganz eigenen Stil und über das, was wir in Zukunft noch aus ihrer Feder erwarten dürfen.

Phantastik-Journal: Guten Tag Frau Wassermann. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich mit unseren Fragen zu befassen.

Aber mit Freuden!

Zum Warmmachen:

Eine der Standardfragen, für die sich unsere Leser immer wieder interessieren ist die, wie Sie denn zum Schreiben gekommen sind?

Ich liebe Homers Ilias und habe immer von einem Roman geträumt, der sich der Hauptfigur Achilleus widmet. Leider war er in Romanform immer nur die böse Nebenfigur … Irgendwann dachte ich, na gut, wenn es keiner macht, versuch ich es selbst. Das ist mir auch irgendwie geglückt, wenn auch nicht gut, was ich damals noch nicht wusste. Aber es hat so viel Spaß gemacht, dass ich beim Schreiben geblieben bin.

Ihr erster Roman war ein historischer, der im Bereich der Griechischen Sagenwelt spielte. Achill, Held und Frevler erschien im Jahr 1995. Wie würden Sie Ihren Weg zur ersten Veröffentlichung beschreiben? War es schwierig den Roman bei einem Verlag unterzubringen?

Erstaunlicherweise gar nicht. Die Zeit war für solche Themen einfach gut, und  Schneekluth, der Verlag, war offen für neue Autoren. Es hat auch niemand danach gefragt, ob eine Autorin nicht besser eine weibliche Heldin in den Mittelpunkt stellt. Heute fragt man danach. Ich hatte ganz klassisch komplette Manuskripte kopiert, binden lassen und ungefragt verschickt. Vor der Zusage kamen drei Absagen. Trotzdem würde ich aus heutiger Sicht sagen, dass das nicht der beste Weg war – der auch heute so kaum noch funktioniert. Ich würde Vieles anders machen.

Es dauerte fünf Jahre bis Sie mit Goldhorus nachlegten. Und dieses Mal entführten Sie Ihre Leser ins alten Ägypten. Wie kamen Sie auf diese Themenwahl?

Die Bronzezeit rund ums Mittelmeer hat mich schon immer besonders fasziniert, eben hervorgerufen durch die trojanische Sage. Ägypten lag ja quasi nur einen Katzensprung entfernt. Und wo sonst findet man Männer in weißen Röckchen und mit Gold behängt?

Im Jahr danach folgte „Der Zorn des Seth“ und im Jahre 2003 „Herrin zweier Länder“. Seitdem haben Sie keinen Roman mehr geschrieben, der im alten Ägypten spielt. Woran liegt das?

Doch, hab ich! Es weiß bloß keiner. Es ist ein Erotikroman, unter dem Pseudonym „Laura Simon“ geschrieben. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der Eroberung Unterägyptens durch die Assyrer. Ein Erotikroman hatte mich grundsätzlich mal gereizt, und es lag nahe, bei der Gelegenheit noch einmal ins alte Ägypten zurückzukehren. Im „normalen“ historischen Roman sind das ja heutzutage keine gefragten Themen mehr. Es gibt seltene Ausnahmen, aber für gewöhnlich winken Verlage erschrocken ab, wenn man mit der Bronzezeit und den weißen Röckchen winkt.

Von 2003 bis 2007 haben Sie eine Pause eingelegt. Dann jedoch kamen Sie mit Macht zurück. „Die Teufelsmalerin“ und erstmals auch ein Fantasyroman aus Ihrer Feder „Das gläserne Tor“ kamen auf den Markt. Wie haben Sie diese gut vierjährige Pause genutzt?

Ich habe meinen Kopf zurechtgerückt, der nicht so richtig glauben wollte, dass die Bronzezeit out ist.

Insofern kann man also durchaus sagen, dass Sie als Autorin wandelbar sind, bzw. das Sie bereit sind sich in Ihrer Themenwahl anzupassen. Was denken Sie woran es liegt, dass die Bronzezeit nach dem extremen Boom, den diese Epoche in den 90er Jahren erlebte, plötzlich kaum noch in ist?

Über diese oder ähnliche Fragen haben sich schon viele Autoren die Köpfe zerbrochen. Es spielen wahrscheinlich tausend Faktoren eine Rolle: die Art, wie sich Trends entwickeln und dann abebben – in eine spezialisierte Richtung, während links und rechts alles wegbricht. Das mittelalterliche Angebot, das die Verlage bieten und auf das der Leser nun mal angewiesen ist. Die Erinnerung an ältere Antikenromane, die vielleicht nicht mehr dem heutigen Lesegeschmack entsprechen. Keine Ahnung.

2008 wieder ein historischer und 2009 erneut ein Fantasyroman. Welches Genre würden Sie sagen, liegt Ihnen mehr?

Mein bisheriger Fantasyausflug war ja stark historisch geprägt. Man hat ihn „Fantasy für Einsteiger“ genannt, was sicherlich richtig ist, denn ich war ja ein Einsteiger, habe auch vorher wenig Fantasy gelesen. Ich glaube, historisch bodenständig wird meine Fantasy immer bleiben – an das Genre muss ich mich erst noch gewöhnen und schauen, ob mir überhaupt phantastischere Dinge einfallen und zusagen. Insofern sehe ich da bisher keinen so immens großen Unterschied zwischen den beiden Genres. Beides hat seinen Reiz, beides lässt sich miteinander verbinden.

Wie kamen Sie auf die Idee von reinen historischen Romanen auf Fantasy mit leicht historischem Einschlag abzuweichen?

Eigentlich war schon mein erster Roman, der „Achill“, fantasylastig. Da traten Götter auf, es geschahen einige übernatürliche Dinge … Beim zweiten, einer Geschichte, die sich ebenfalls mit einer griechischen Sage beschäftigte, war das noch ein wenig ausgeprägter. Die Heldin war eine Flussnymphe, und als solche dichtete ich ihr die Fähigkeit an, Wasser aus dem Nichts zu erschaffen. Nachdem das Manuskript zur Hälfte fertig war, flog es in die Schublade. Es war einfach nicht gut genug. Und da die Sage eine eher unbekannte war (Die Sieben gegen Theben und ihre Epigonen), wollte auch der damalige Verlag nicht ran. Irgendwann wurde mir bewusst, dass es ja eigentlich Fantasy war, was ich da geschrieben hatte. Ich holte das Ding also nochmal hervor und überlegte, ob sich noch etwas draus machen ließe. Das war leider nicht der Fall. Aber die Idee einer Heldin mit dieser Fähigkeit blieb übrig, und darum herum entstand dann eine ganz neue Geschichte. Dass die Heldin aus unserer Welt stammt, war eine Idee des Verlages. Allerdings eine aus der heutigen Zeit, was mich nicht so reizte. Aber da ich die wilhelminische Zeit sehr spannend finde und mir auch mal ganz vage überlegt hatte, einen Roman darin anzusiedeln, hab ich die Gelegenheit genutzt.

Wenn Sie nicht gerade schreiben, was machen Sie dann beruflich?

Wiederum schreiben. Das ist mein Beruf.

In Kürze:

Das letzte Buch, das ich gelesen habe:

Katerina Timm, Hexenschwester.

Das beste Buch, welches ich bislang gelesen habe:

Charlotte Lyne, Die Glocken von Vineta.

Das geht gar nicht:

Parodien. Laufen an meinem Humorzentrum meilenweit vorbei.

Mein Unwort des Jahres 2009:

O nein, ich hab mich jetzt wund gegrübelt, was das sein könnte – und was nicht so langweilig wie „Schweinegrippe“ klingt. Das wird jetzt nix mehr.

Das muss sein:

Musik beim Schreiben und kein Mensch in der Nähe.

Über Ihre aktuelle Arbeit:

Vor kurzem ist Ihr Buch „Die eiserne Welt“ erschienen. Dabei handelt es sich um eine Fortsetzung Ihres Buches „Das gläserne Tor“. Darin wurde eine junge Frau aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts in eine fantastische Welt versetzt. Die Idee, einen Protagonisten in eine Fantasy-Welt zu versetzen ist nicht neu, was denken Sie ist an Ihrem Buch anders als an denen anderer Autoren/innen?

Um das sagen zu können, müsste ich wohl einige mehr kennen als die, die ich bisher gelesen habe, schwierig also … Die Kombination „Preußische Kaiserzeit – antik anmutende Welt“ dürfte neu sein. Das vermute ich jetzt einfach mal. Oh, und in dieser Welt gibt es zwar ein paar Leute, die besondere Dinge können, aber es gibt keine Zauberei, kein Magiersystem oder etwas in der Art. Das Ganze wirkt schon historisch bodenständig. Es sind die Figuren, die die Bücher ausmachen. Ihre menschlichen Eigenarten, Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Wenn man die beiden  Bücher gelesen hat, stellt man fest, dass Sie mit Grazia eine Figur geschaffen haben, die sehr authentisch wirkt. Die Figur wirkt glaubhaft in den Konventionen Ihrer eigentlichen Gesellschaft verwurzelt, was immer wieder zu Verwirrungen mit ihrem Geliebten führt. Dabei trifft man oft, sei es im Bereich historischer Roman oder eben in der Fantasy auf „starke Frauen“ wie sie so gar nicht in die Gesellschaft passen, in welcher sie beschrieben werden. Warum legen Sie da so großen Wert auf diese Glaubwürdigkeit der Figur?

So eine Geschichte soll ja die Illusion vermitteln, dass sie wirklich passiert ist. Deshalb war es z.B. notwendig, dass ein paar Takte über das Thema „Grazia lernt die fremde Sprache“ verloren werden. Bringt ja eigentlich für die Handlung nichts, aber solche Dinge gehören dazu, wenn ich den Leser glauben machen will, diese Frau ist echt. Ebenso gehört dazu, dass sie eine typische Vertreterin ihrer Zeit ist. Wenn sie nicht so wäre, hätte es ja keinen Grund gegeben, diese Zeit zu wählen. Und vor allem wäre der Gegensatz zur freizügigen argadischen Kultur weggefallen, dabei macht das doch gerade den Reiz aus. Nur deshalb hab ich den Argaden doch die kurzen Röckchen angedichtet – damit Grazia große Augen macht. (Und weil ich auf diese Weise in die Bronzezeit zurückkehren konnte, quasi durch die kalte Küche.)

Die Welt, in welcher Anschar in Ihren Fantasy Romanen lebt hat einige Elemente, die man in frühen Hochkulturen wiederfindet. Was würden Sie sagen, welche der Hochkulturen der Geschichte hat Ihnen am ehesten Pate gestanden für die Fantasy Welt?

Es hat von allen ein bisschen, Ägypten, Mykene, Babylon … Wenn ich Argad auf der Landkarte ein Plätzchen zuweisen müsste, dann wohl am ehesten in der mesopotamischen Richtung.

Wenn Sie auf die letzten 10 Jahre zurückblicken, was würden Sie sagen, wie hat sich Ihr Schreibstil verändert?

Ich achte stärker auf eine gute Sprache, auf handwerkliche Dinge wie die Trennung von Erzählperspektiven, oder wie man plottet und Charaktere ausstattet. Das geschah vorher eher gefühlsmäßig, aber spätestens mit dem Eintreten ins Autorenforum Montsegur habe ich begonnen, auf solche Dinge verstärkt zu achten. Und bin dann auch immer strenger mit mir geworden. Ich würde fast sagen, richtig schreiben kann ich eigentlich erst seit dem Gläsernen Tor.

Was würden Sie sagen ist aufwendiger, arbeitsintensiver: Die Arbeit an einem Fantasy- oder an einem historischen Roman?

Ganz klar der historische Roman. Sicher muss man auch für die Fantasy viel recherchieren, aber wenn man z.B. keine historischen Persönlichkeiten drin hat, muss man natürlich auch nicht deren Biografien pauken. Man muss nicht herausfinden, welche Münzen, Maße und Gewichte verwendet wurden, man denkt sich das einfach aus. Wobei ich solche Dinge gar nicht mal einfach finde, ich habe mir an der Erfindung von authentisch klingenden Namen schon ziemlich die Zähne ausgebissen.

In die Verlängerung:

Jetzt ist die Zeit für ein wenig hemmungslose Eigenwerbung. Warum sollte man die beiden Bände rund um Grazia und Anschar unbedingt gelesen haben?

Muss man ja gar nicht. Aber wenn man Spaß am Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen hat, verkörpert durch zwei Liebende, die gemeinsam durch Abenteuer und Freud und Leid gehen, sich mit der jeweils anderen Kultur kräftig verheddern und auch aneinander mal kräftig die Zähne ausbeißen, dann ist man hier richtig.

Würden Sie sagen, dass man Ihren aktuellen Titel: „Die eiserne Welt“ auch lesen kann, wenn man „Das gläserne Tor“ verpasst hat?

Schwierig! Aber warum sollte man das tun?

Was dürfen wir als nächstes aus Ihrer Feder erwarten, einen neuen historischen Roman oder wieder etwas in die Fantasy Richtung?

Zur Zeit arbeite ich wieder an etwas Historischem. Ein Fantasyprojekt ist auch in Planung. Aber ach, ich wage es immer nicht, etwas über meine ungelegten Eier zu sagen, die müssen noch in ihrem Nestchen versteckt bleiben. Nur so viel: Der Held des nächsten Fantasyromans ist ein Bogenschütze mit einer besonderen Fähigkeit, die ihm das Leben ziemlich schwer macht.

Werden Grazia und Anschar noch ein paar Abenteuer miteinander erleben, oder anders gefragt: Haben Sie weitere Romane in dieser Kombination geplant und wenn ja, auf wie viele Bände dürfen wir uns da noch freuen?

Grazias und Anschars Geschichte ist erzählt, auch wenn ich für mich persönlich schon noch weitergesponnen habe, wie es weitergehen könnte. Aber das tut man ja ein bisschen bei jedem Roman.

Gibt es etwas, was Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben möchten?

Da sage ich jetzt ganz eigennützig: Probiert’s mal mit meiner argadischen Welt. :-D

Vielen Dank für das Interview.

Ich danke ebenfalls!

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