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Philip K. Dick: Blade Runner – Ubik – Marsianischer Zeitstur

Geschrieben von am 7. Januar 2010 – 07:00Kein Kommentar

Philip K. Dick hat unsere Vorstellung von der Zukunft geprägt wie kaum ein anderer Schriftsteller. Und Filme wie Blade Runner, Minority Report, Scanner Darkly und Paycheck, die nach seinen Romanen entstanden sind, haben ein Millionenpublikum begeistert. Längst ist Dick zu einem Klassiker der amerikanischen Literatur geworden – mit diesem Sonderband, der die drei bekanntesten Romane Dicks erstmals zusammenführt, wird dies nachhaltig unter Beweis gestellt!

Inhalt

Blade Runner
Rick Deckard ist Prämienjäger. Er ist Polizeibeamter und tötet Androiden, die auf dem Mars Verbrechen begangen haben und auf die Erde geflohen sind. Nur auf dem Mars dürfen sich Androiden aufhalten.

Er besitzt ein elektrisches Schaf. Aufgrund der Zerstörung des Planeten sind die meisten Tiere ausgestorben und es ist moralisch sich ein Haustier zu halten. Wer sich kein echtes Tier leisten kann, hält sich ein elektrisches.

Bei der Jagd nach sechs Androiden wird der erfolgreichste Prämienjäger verletzt und Deckard soll den Job übernehmen. Er erhofft sich durch die Prämien, sich endlich ein echtes Tier kaufen zu können.

Die Androiden sind technisch so perfekt, dass sie Menschen zum Verwechseln ähnlich sehen. Auch sind sie keine technischen Maschinen, sondern organische, d.h. in ihren Adern fließt Blut und sie haben alle inneren Organe. Es gibt nur ein Merkmal in dem sich Mensch und Maschine unterscheiden und das ist das Mitleid. Mit einem Test muss zunächst festgestellt werden, ob die betreffende Person Mitleid empfinden kann. Kann sie es nicht, handelt es sich um einen Android.

Die Herstellerfirma der Androiden ist bemüht ihren Androiden die Mitleidsreaktionen einzuprogrammieren und beinahe gelingt es ihnen Deckard zu täuschen. Aber in ihm keimen Zweifel ob er, da er plötzlich kein Mitleid mit den Androiden, die er töten soll, empfinden kann, nicht selbst ein Android ist.

Dick geht in diesem Buch der Frage nach, was den Menschen wirklich aus macht. Was unterscheidet ihn von Tieren und Maschinen? Wo verschwimmen die Grenzen und was passiert, wenn man wirklich Androiden herstellen kann? Schon jetzt im Zeitalter des Internet zeichnet sich ab, dass der Mensch immer mehr mit Maschinen kommuniziert und selbst Computer kommunizieren miteinander. Es ist also interessant, wie Dick dieser Frage nachgeht und zu entschlüsseln versucht, ab wann die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwinden.

Deckards Kampf gegen die Maschinen kann also im übertragenen Sinn gesehen werden: Er weigert sich die Vorherrschaft der Maschinen anzuerkennen.

Ubik
Glen Runciter ist der Chef einer Schutzorganisation, die Anti-Talente ausschickt, um mit Psi-Fähigkeiten ausgestattete Mensch (Telepathen, Präkogs etc.) zu neutralisieren. Seine Frau ist im Alter von zwanzig Jahren gestorben und wird in einem Moratorium aufbewahrt. Immer wieder fährt er zu ihr, um bei ihr Rat zu suchen. Die Tote wird dazu in einer Halbwelt gehalten, so dass es Runciter möglich ist mit der sogenannten Halblebenden zu kommunizieren.

Runciters Konkurrent ist Ray Hollis. Seine Agentur bietet Menschen mit Psi-Fähigkeiten an. Hauptsächlich wird mit diesen Talenten Industriespionage durchgeführt.

Joe Chip arbeitet für Runciter und hat die Aufgabe neue Anti-Talente anzuwerben. Eines Tages bringt er Pat Conley an, ihre Fähigkeit ist es die Vergangenheit zu ändern.

Runciter erhält den Auftrag auf dem Mond ein industrielles Projekt zu schützen, da vermutet wird, dass Hollis’ Leute dort angreifen. Gemeinsam mit seinen elf besten Leute fliegt Runciter auf den Mond. Doch er wird bereits von Hollis erwartet. Eine Bombe explodiert und tötet Runciter. Seine Mannschaft kann rechtzeitig fliehen. Sie bringen Runciter in das Moratorium, wo er ebenfalls in Halbschlaf gelegt wird. Aber bereits auf dem Rückflug und später auf der Erde gehen seltsame Dinge vor sich. Das Telefonverzeichnis ist veraltet, obwohl das Schiff fabrikneu ist, sie erhalten Münzen mit Runciters Abbild, Gebäude sind plötzlich veraltet und die Autos sind Modelle aus den 1930er Jahren. Und überall finden sich plötzlich Nachrichten von Runciter, die Joe Chip und die anderen Anti-Talente direkt ansprechen. Schließlich beginnen die Anti-Talente selbst zu Staub zu zerfallen und plötzlich stehen sich Chip und Runciter gegenüber …

Zusätzlich sorgt Pat Conley für Verwirrung, der es möglich ist, die Vergangenheit zu verändern und da sich die Welt immer weiter in die Vergangenheit bewegt, liegt der Verdacht nahe, dass sie von Hollis’ in die Gruppe eingeschleust wurde, um sie zu vernichten.

Ein Verwirrspiel um Halbwelten und Zeitverschiebungen entsteht, bis der Leser kaum noch enträtseln kann in welcher Welt er sich gerade befindet. Perfekt wird die Verwirrung im letzten Kapitel, in dem Dick jegliche Zuordnung der Welten und Halbwelten durcheinander mischt.

Dick wirft hier ein verwirrendes Spiel um die Frage der Realität auf. Kann man seinen Augen trauen? Und in welcher Welt befinden sich die Lebenden? Oder sind die Lebenden schon tot? Der Leser kann sich nicht mehr sicher sein, in welcher Realität er sich gerade befindet.

Marsianischer Zeitsturz
Jack Bohlen lebt als Pionier in einer Mars-Kolonie. Bohlen ist schizophren, allerdings hatte er auf dem Mars keinen Anfall mehr. Er arbeitet als Techniker und wartet und repariert Maschinen. Gemeinsam mit seiner Frau wohnt er an einem der Wasser-Kanäle.

Arnie Kott ist der Vorsitzende der Kanalarbeitergilde und, da Wasser ein wertvolles, weil seltenes Gut auf dem Mars ist, ist er der mächtigste Mann der Kolonie.

Bohlens Nachbar, Norbert Steiner, hat einen autistischen Sohn, Manfred, der in einem Camp für abnorme Kinder lebt. Manfreds Vater wird mit der Belastung durch das behinderte Kind nicht mehr fertig und begeht Selbstmord.

Bohlen findet einen Weg mit dem Jungen zu kommunizieren. Für Manfred läuft die Zeit beschleunigt ab. Finanziert durch Kott, baut Bohlen eine Kammer, die es ermöglicht durch verlangsamtes bzw. beschleunigtes Abspielen von Botschaften mit dem Kind zu kommunizieren. Gleichzeitig landet Bohlens Vater auf dem Mars. Er will scheinbar wertloses Land auf dem Mars erwerben, da er einen Insidertipp erhalten hat, dass die UN das Land kaufen und für weitere Siedlungsprojekte bebauen will.

Manfred hat eine Vision, wie er sich selbst in den verlassenen und verfallenen Gebäuden, die die UN bauen wird, als alten, an Schläuchen und Maschinen angeschlossenen Mann sieht, der jeglicher Organe und Körperteile, bis auf seinen Kopf, beraubt ist.

Da es Manfred scheinbar möglich ist in der Zeit zu reisen, will Arnie dieses Talent nutzen um sich selbst in die Vergangenheit zu setzen, um das Land zu erwerben, bevor Bohlens Vater von der Erde anreißt.

Durch die Nähe zu Manfred, bricht Bohlens Schizophrenie wieder aus und so erlebt er die entscheidende Szene im Vorfeld gleich dreimal, immer aus unterschiedlichen Perspektiven und immer mit kleinen Änderungen. Den gemeinsamen Abend mit Arnie, den er in drei Visionen sieht, erlebt er in Echtzeit dann aber nicht, aufgrund eines Black-out.

Wieder überlässt es Dick dem Leser zu entscheiden in welcher Realität er sich befindet. Und vielleicht geht es ihm am Ende wie Arnie, der glaubt in eine[r] dieser schizophrenen Welten gefangen zu sein.

Stil/Sprache
Dicks Sprache ist zeitlos. Alle drei Romane wurden in den 1960er Jahren geschrieben, aber durch ihren leichten, publikumsnahen Stil sind sie noch immer dem Leser zugänglich. Viele Dialoge lockern den Text auf. Liebevolle Details die ein Bild der Zukunft machen und nachweislich nicht eintreten werden, brechen den Lesefluss nicht, sondern heben vielmehr die visionäre Kraft Dicks hervor. Auch ging es ihm weniger um technische Neuheiten.

Bei Dick stehen die Figuren und ihre erlebten Realitäten im Vordergrund. Auch dies ein Grund warum Dick einer der meist gelesenen Sci-Fi-Autoren ist.

Aufmachung
Das Buch umfasst die drei Romane, Blade Runner, Ubik und Marsianischer Zeitsturz, in dieser Reihenfolge. Am Ende ist ein Nachwort von Sascha Mamczak eingefügt.

Auf dem Cover ist das abstrahierte Portrait Dicks abgebildet, sowie die Titel in weißer und orangener Schrift vor schwarzem Hintergrund.

Fazit
Allen drei Romanen ist gemeinsam, dass sie mit der Verwirrung um Zeit und Realität spielen. Während es bei Blade Runner noch um die Frage nach dem Wesen des Menschen geht und was ihn eigentlich von den Maschinen unterscheidet und damit einzigartig macht, dreht es sich in den beiden anderen Romanen um die Verschiebung und Verzerrung der Realität. So finden sich die Figuren plötzlich in Halb- oder Parallelwelten wieder, über denen eine allgegenwärtige Feindseligkeit liegt.

Für jeden, der gern seinen Blick für andere Perspektiven öffnet, ein Muss.

Phantastik Journal – Wertung: ★★★★★

  • Autor: Philip K. Dick
  • Verlag: Heyne Verlag
  • Erschienen: 06/2009
  • ISBN-10: 3453525833
  • Einband: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 848 Seiten
  • Sprache: Deutsch

Vielen Dank an den Heyne Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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