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Charlotte Engmann

Geschrieben von am 29. Oktober 2009 – 13:43Kein Kommentar

Charlotte EngmannCharlotte Engmann, die im Genre Phantastik und Horror schreibt, las auf dem Buchmesse Con 2009 in Dreieich aus ihrem neuesten Werk „Die Gralsdienerin“. Da mir die Lesung sehr gefallen hat, nahm ich dies zum Anlass, die Autorin und ihren Roman vorzustellen.

Phantastik Journal: Charlotte, auf deiner Homepage steht, dass du Germanistik studiert und anschließend eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert hast. Wie geht das, dass du abends noch schreiben kannst, wenn du den ganzen Tag von Büchern umgeben bist?
Ich zähle zu den Menschen, in deren Leben es nicht genug Bücher geben kann. Deshalb habe ich mich für ein Germanistik-Studium und die Ausbildung in der Buchbranche entschieden. Aus dem gleichen Grund hatte ich mich übrigens auch als freiwillige Helferin bei der Erstversorgung jener Bücher gemeldet, die beim Einsturz des historischen Stadtarchivs von Köln verschüttet worden sind.

Du hast zahlreiche Geschichten und Romane verfasst. Träumst du wie die Mehrzahl der Autoren davon, eines Tages nur vom Schreiben zu leben? Oder gehörst du der Minderheit an, die ihren Job so lieben, dass sie das Schreiben bewusst hinten an stellen?
Scribo ergo sum – Ich schreibe, also bin ich. So ließe sich mein Lebensmotto ausdrücken. Ich werde nicht aufhören zu schreiben, nur weil ich kein Geld damit verdienen kann. Und seien wir ehrlich: Anspruchsvolle Kurzgeschichten zu schreiben, ist in Deutschland eine brotlose Kunst.

Etliche Autoren vernachlässigen das Schreiben von Kurzgeschichten. Du bleibst ihnen aber offensichtlich treu. Was macht für dich den Reiz einer Kurzgeschichte aus?
Zuerst einmal: Nicht jeder Autor, der gute Romane schreibt, kann auch gute Kurzgeschichten schreiben. Es ist eine eigene Erzählform und sollte als diese auch gewürdigt werden.

Mein Schreibstil ist sehr knapp und kompakt und passt daher wunderbar zu Kurzgeschichten; langes Geschwafel sucht man in meinen Werken vergebens. Desweiteren liegen mir vor allem feine Pointen oder freche Twists, die nur in kurzen Texten zur Geltung kommen. Ein weiterer Anreiz ist natürlich, dass eine Kurzgeschichte schneller vollendet ist als ein Roman.

„Die Gralsdienerin“ ist dein neuestes Werk. Was hat dich dazu bewogen, den Plot um die Mysterien der Artus-Sage anzusiedeln? Kannst du den Lesern einen kurzen Abriss zur Handlung geben?
Meine Kurzgeschichten und Romane setzen sich immer aus mehreren Ideen zusammen. Bei der “Gralsdienerin” war es zum einen der Wunsch, über einen Vampir zu schreiben, der von Natur aus zu den Guten zählt; der also nicht vom Blut des Teufels getrunken hat, sondern das eines Engels oder eines anderen übernatürlichen Wesens. Hinzu kam die Idee, dass der Vampir Türsteher hassen sollte. Das führte mich zu dem Artusritter Lancelot, dem wegen Ehebruchs der Zutritt zur Gralsburg verweigert worden war, und daraus hat sich alles weitere ergeben.

Der Roman beginnt damit, dass die Dämonenjägerin Claire mit eben jenem guten Vampir kämpft. Dabei überqueren sie eine magische Schwelle und landen auf der Gralsburg, wo Claire aus dem heiligen Kelch zu trinken erhält. Und damit fangen ihre Probleme so richtig an. Im Auftrag der Gralsburg muss sie drei weitere magische Artefakte suchen, während sie zugleich von Dämonen und ihrer eigenen Familie gejagt wird.

Wie lange hast du an dem Roman geschrieben?
Insgesamt habe ich acht Monate an der “Gralsdienerin” gearbeitet, aber nicht an einem Stück; die Entstehungsgeschichte erstreckt sich über fünf Jahre. Zuerst sollte der Roman 2004 als Heftroman bei Bastei erscheinen, aber bevor es dazu kommen konnte, wurde die entsprechende Reihe eingestellt. 2005 habe ich ihn zum Mehrteiler erweitert, so dass er im “Schattenreich pulp magazine” hätte erscheinen können, wäre diese Reihe nicht ebenfalls eingestellt worden. 2006 habe ich die bestehenden Teile überarbeitet, so dass der heute vorliegende Roman entstand.

Hast du bei deinem Roman Wert auf Authentizität gelegt oder die geschichtlichen Fakten im Rahmen des Plots bewusst außen vor gelassen?
“Historische Authentizität” ist ein Wort, das schlecht zu dem Sagenkreis um König Artus und den heiligen Gral passt. Ich knüpfe jedoch an real bestehende Legenden und Überlieferungen an, z.B. dass Avalon in einer jenseitigen Welt liegt oder dass der edle Ritter Galahad sein Leben verlor, als er dem Gral zu nahe kam. “Die Gralsdienerin” ist also ein phantastischer Roman, der klassische Erzähltraditionen aufgreift und mit neuen Interpretationen würzt.

Du bist nicht nur Solo-Autorin, sondern auch Mitglied der Autorengruppe „Phantastik Girls“. Wer ist alles mit dabei und wie lange gibt es euch schon?
Gegründet wurden die Phantastik Girls Ende 2001/Anfang 2002 als Mailingliste für Autorinnen, die ernsthaft Phantastik schreiben. Es ist eher ein Netzwerk, mit dem wir uns gegenseitig unterstützen, als eine klassische Autorengruppe, die sich (auch) mit Textarbeit beschäftigt. Zu den PGs zählen zur Zeit Daniela Scheele, die DSA-Autorinnen Linda Budinger und Christel Scheja, die langjährigen Teilnehmerinnen und Mitarbeiterinnen der Storyolympiade Stefanie Bense, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl sowie meine Wenigkeit.

Bist du außerdem noch in anderen Autorengruppen tätig?
Als Gastautorin bin ich bei einigen Anthologien der Geschichtenweber vertreten, aber außer den PGs gehöre ich keiner Autorengruppe an.

Vor zwei Jahren kam dein Roman „Sturmbrecher“ heraus, den du zusammen mit Christel Scheja geschrieben hast. Planst du für die Zukunft wieder ein Gemeinschaftswerk?
Ja und nein. Seit zwölf Jahren arbeite ich mit Heike Berthold zusammen an einem Roman, der schon recht weit gediehen ist und bald vollendet sein soll, so in drei, vier Jahren. :-) Darüberhinaus sind jedoch keine weiteren Gemeinschaftsprojekte in Planung.

Woher beziehst du deine Ideen für Plots, was inspiriert dich?
Es hört sich vielleicht etwas lapidar an, aber Ideen finde ich überall. Die tollsten Geschichten schreibt eh das Leben; in Gegenwart und Vergangenheit finden sich unzählige interessante Persönlichkeiten und Ereignisse. Aus Büchern und Filmen schöpfe ich ebenfalls Ideen, genau wie aus sprachlichen Ausdrücken und Redewendungen. Ist eine Ausschreibung themen­gebunden, führt das Thema zu einer Idee.

Habe ich mit der Geschichte angefangen, erzählt sie sich wie von selbst. Der Charakter der Figuren treibt die Handlung ebenso voran, wie die Ereignisse, denen sie ausgesetzt sind. Dadurch ergeben sich beim Schreiben manchmal Wendungen, die ich vorher nicht geplant hatte. Oder wie ich Eos in der Horrorgeschichte “Blutmond” in den Mund gelegt habe: “Es tut mir leid. So sollte es nicht enden.”

Du lebst in Köln und hast an der Anthologie „Mortus in Colonia“ mitgewirkt, die Geschichten rund um die Stadt beinhaltet. Kannst du dir vorstellen, auch einmal einen historischen Roman zu schreiben, der in Köln angesiedelt ist, so wie Frank Schätzing?
Für einen historischen Roman egal welcher Zeit fehlt mir das Fachwissen, also fällt diese Option aus. Ich möchte mich auf keinen Fall in die Riege jener Autoren gesellen, deren Romane zwar in der Vergangenheit spielen, aber alles andere als historisch authentisch sind. Ich schreibe Fantasy, weil mir dadurch viel Recherche erspart bleibt. Meine Helden dürfen Kartoffeln essen, selbst wenn sie in der Fantasyvariante des europäischen Mittelalters leben.

Schreibblockaden sind der Feind aller Schriftsteller. Wie gehst du damit um?
Es kommt darauf an. Hänge ich an einer Szene fest, hilft beharrliches Weiterarbeiten, jeden Tag ein bisschen und sei es nur ein Satz. Desweiteren lege ich inzwischen viel Wert darauf, dass ich nur das schreibe, was ich schreiben möchte und das mir die Geschichte (Idee, Plot, Figuren, Setting) als solche Freude bereitet. Und wenn alle Stricke reißen, wende ich mich meinem Lieblingsvampir Michail zu; seine Abenteuer erzählen sich fast wie von selbst.

Vielen Dank für das Interview. Das Phantastik-Journal wünscht dir weiterhin viel Erfolg beim Schreiben!
Mehr zur Autorin erfahren Sie unter: www.charlotte-engmann.de

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