Eschbach, Andreas: Ein König für Deutschland
So eine Wahlfälschung ist eine Heidenarbeit. Sie brauchen eine Menge Leute, die falsche Stimmzettel herstellen, Urnen verschwinden lassen und gefälschte Urnen an deren Stelle schmuggeln und so weiter. Und letzten Endes kommt es doch heraus, weil bei so vielen Leuten immer einer den Mund nicht halten kann. Wenn Sie dagegen Wahlcomputer verwenden, reicht ein einziger Mensch, der die richtigen Passwörter kennt und Zugang zum System hat, um Millionen von Stimmen innerhalb von Sekunden zu verändern.
In Deutschland wird 2009 eine neue Regierung gewählt. Jemand hat die Passwörter. Und nutzt sie . . .
Inhalt
Vincent Wayne Merrit, 21, Programmierer, der in seiner Freizeit schon mal einen Trojaner programmiert, mit dem fünfzigtausend Kreditkartennummern gestohlen werden, arbeitet nach abgesessener Gefängnisstrafe für eine undurchsichtige Firma, die sich um Regierungsaufträge bewirbt.
Vincent erhält von einem republikanischen Abgeordneten den Auftrag einenWahlcomputer zu manipulieren, angeblich, um herauszufinden, wie man Wahlmanipulationen erkennen und verhindern kann. Nachdem er den Auftrag erfolgreich erledigt hat, hört er von dem Abgeordneten nichts mehr. Was er hört, sind Ungereimtheiten bei den Präsidentschaftswahlen, aus denen schließlich George W. Bush als neuer Präsident hervorgeht. Vincent geht den Ungereimtheiten nach und stellt fest, dass sie aufgrund seines Programms zustande gekommen sein könnten. Einen tatsächlichen Beweis findet er nicht.
Er durchstöbert Internetforen und findet Kontakt zu einer deutschen Gruppe Jugendliche, die aktiv den Einsatz von Wahlcomputern bei den anstehenden Wahlen in Deutschland bekämpfen.
Benito Zantini, der Freund seiner Chefin, ermöglicht es Vincent an einen dieser Wahlcomputer heranzukommen und gibt ihm den Auftrag, diesen zu manipulieren. Da Vincent das nicht freiwillig machen würde, setzt Zantini ihn in seinem Haus fest.
Zantini will das Programm an Parteien in Deutschland verkaufen. Doch als Vincent fertig ist, kann er fliehen, nicht ohne vorher das Programm auf CD gebrannt und seinen Computer formatiert zu haben. Die CD schickt er an seinen Vater nach Deutschland. Auf der Flucht wird er von der Polizei geschnappt und verhaftet, weil er das Auto seines Nachbarn gestohlen hat.
Simon König hat auf einer USA Reise Vincents Mutter kennengelernt und einen Seitensprung gewagt. Erst Jahre später erfährt er, dass dabei Vincent gezeugt wurde, doch auch dann bleibt der Kontakt dürftig. Und so trifft ihn der Umschlag mit Vincents CD überraschend. Gleichzeitig nimmt die Gruppe Jugendlicher mit ihm Kontakt auf.
Gemeinsam hecken sie den Plan aus, es bei der Wahl drauf ankommen zu lassen. Zu oft wurde im Vorfeld einer Wahl vor Manipulation gewarnt und dennoch wurden die Computer eingesetzt. Sie gründen eine Partei, denn Vincent hat eine Signatur in seinem Code hinterlassen: Stellt sich eine Partei zur Wahl, die seine Initialen hat, bekommt diese 95% der Stimmen.
Um den Betrug zu beweisen, müssen sie eine Partei gründen, die zwar jeder kennt, aber niemand wählen würde. Also gründet Simon mit den Jugendlichen die Volksbewegung zur Wiedereinführung der Monarchie, kurz VWM. Im Fall eines Sieges, will Simon sich zum König krönen lassen.
Wie erwartet gewinnt die VWM und erringt sogar die absolute Mehrheit im Bundestag. Dadurch steht ihr die Möglichkeit offen, das Grundgesetz zu ändern und so tatsächlich die Monarchie einzuführen.
Simon und seine Gruppe stehen vor der Herausforderung, was sie mit der gewonnen Macht anfangen, den Betrug aufklären oder doch nach der Krone greifen und Gesetze erlassen, die dem Wohl des Volkes dienen, wie es Simon gerne hätte?
Stil / Sprache
Ein Roman bietet als Textform die meisten Freiheiten, es gibt Briefromane, Dialogromane oder eben den klassischen epischen Roman. Eschbach nutzt diese Freiheit, wenn er die Unstimmigkeiten bei der US-Präsidentschaftswahl 2000 mit journalistischer Feinheit darstellt. Diese Passagen könnten so auch in einem Nachrichtenmagazin gedruckt stehen.
Ein weiteres Mal nutzt er die textliche Freiheit, um den Leser aktiv an der Wahl teilnehmen zu lassen. Dazu lässt er die Handlung parallel ablaufen, als würde man einem Hyperlink folgen. Der Leser kann sich nun entscheiden, für welche Partei er stimmt. Wenn Sie für die SPD stimmen wollen, lesen Sie bitte weiter auf Seite 376. Hat der Leser sein staatsbürgerliches Recht ausgeübt, springt er auf die Seite, an der die Handlung fortsetzt.
Das Buch ist sehr gut recherchiert. Eschbach prahlt etwas damit und hinterlässt über 100 Fussnoten, die seine Quellen belegen. Die Wikipedia Einträge darunter kann man zum Nachlesen verstehen, andere Quellen zeugen von der eingehenden Recherche, die besonders den Teil, der um die Wahl George W. Bushs geht, betreffen.
Charaktere
Sehr gut dargestellt ist, wie die verschiedenen Figuren mit der gewonnen Macht umgehen. Alex, einer der Jugendlichen, der im wahren Leben Alternate Reality Games organisiert, geht in der Parteigründung völlig auf. Er sieht die Wahl als Spiel, dessen Ziel es ist, sie zu gewinnen. Dabei verliert er das eigentliche Ziel aus den Augen und hätte alles am liebsten einfach immer so weitergetrieben.
Sein Bruder Leo, geistig von einfacher Natur, arbeitet als Bodyguard und wird schnell Simons persönlicher Leibwächter. Ein König braucht eine Leibgarde, sagt er nur, als er bei Simon einzieht und sich vor dessen Tür setzt, um ihn zu beschützen.
Und selbst Simon kann sich der Verlockung der Macht nicht entziehen. Endlich interessieren sich die Leute für ihn und seine Meinung. Zwar sahen sie ihn nur als politischen Clown, aber so war es ihm möglich, dass er alles sagen durfte, sogar die Wahrheit.
Aufmachung
Das Buch ist untergliedert in vier Teile und insgesamt 52 Kapitel und liegt als Hardcover vor. Am Ende steht ein Nachwort, in dem Eschbach auf die gegenwärtige Situation der Wahlcomputer eingeht.
Es umfasst 496 Seiten. Auf dem Cover ist der Bundesadler, dessen Kopf eine Krone ziert.
Fazit
Eschbach geht an ein ernstes Thema mit scheinbarer Leichtigkeit heran. Nach und nach wird der Leser in die komplexen Zusammenhänge eingeweiht, erfährt wie Wahlcomputer funktionieren und wie Hacker sie knacken könnten.
Unterschwellig baut sich die Gefahr der Wahlcomputer auf, um dann umso härter zuzuschlagen. Es beginnt alles als Spiel, aber als Zantini von seinen Auftraggebern, einer rechtsextremen Partei, ermordet wird, ist es mit dem Spaß vorbei. Spätestens jetzt erkennt der Leser die Gefahr, die von manipulierten Wahlen tatsächlich ausgeht. Es ist eine Sache, wenn sich die großen Parteien einen Vorteil verschaffen, eine andere ist es, wenn sich extreme Parteien, dadurch an die Macht setzen.
Wollen wir hoffen, dass in Deutschland Wahlcomputer nicht zum Einsatz kommen und vom Gesetzgeber ein für alle mal verboten werden. Denn wie Eschbach sagt: Die herkömmliche Methode, Kreuze auf Stimmzettel zu machen, ist erprobt, eingeübt und von unschlagbarer Zuverlässigkeit.
Phantastik Journal – Wertung: 




- Erschienen: 15.09.2009
- ISBN-10: 3-7857-2374-1
- EAN: 9783785723746
- Einband: gebunden
- Erschienen bei: Lübbe
- Seitenzahl: 491
- Gewicht: 657 g
- Sprache(n): Deutsch
- Ausstattung: 22 cm
Hinweise
Rezension von: Stefan Falke
Vielen Dank an den Lübbe Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Saving...

