Susanne Gerdom
Gerdom Susanne hat mit ihrem jüngsten Roman “Elbenzorn” bewiesen, dass auch ein vermeintlich aufgebrauchtes Genre noch andere Facetten zu bieten hat. Wir haben uns mit der deutschen Schrifstellerin unterhalten.
Persönliches
Phantastik Journal: Guten Tag Frau Gerdom. Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit für ein Gespräch genommen haben. Der beste Einstieg in ein solches Interview ist ja grundsätzlich immer, sich kurz vorzustellen. Was können Sie uns über sich selbst erzählen?
Wie viel Zeit haben wir? (lächelt) Also, im Telegrammstil: Ich bin standorttreue Niederrheinerin – geboren in Düsseldorf, aufgewachsen im Herzen des Krupp-Areals von Rheinhausen, dann mit meiner Ausbildung zur Buchhändlerin wieder nach Düsseldorf zurückgekehrt. Meine zweite Liebe neben dem Lesen gehörte dem Theater, ich habe vor, neben, hinter und auf der Bühne gearbeitet (nicht nur als Liebhaberei, sondern auch beruflich) und erst damit aufgehört, als das Schreiben mir wichtiger wurde. Seit ein paar Jahren bin ich Freiberuflerin, verdiene mir meine Brötchen und das Katzenfutter ausschließlich mit Schreiben. Leider reichen hierfür aber nicht nur eigene Projekte
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Ach ja, ich bin ein absoluter Internet-Fan – wer mich wirklich foltern will, kappt meinen DSL-Anschluss!
Eine Frage die sich immer wieder stellt, wenn man sich mit einer Autorin oder einem Autoren unterhält: Wie genau sind Sie zum Schreiben gekommen? Bei Ihnen scheint diese Frage auf den ersten Blick leicht zu beantworten, da Sie ja auch durch die Wahl Ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin eine große Liebe zum geschriebenen Wort bewiesen haben. Dennoch würde uns interessieren, wie und wann aus der Liebe zu Büchern der Wunsch entstanden ist, selbst Bücher zu schreiben.
Ich denke, die Ursprünge sind bei mir genau wie bei allen anderen Kollegen: Vor dem Schreiben kommt das Lesen. In meiner Familie kursierte die Anekdote, dass ich irgendwann im ersten Jahr der Grundschule nach Hause gekommen bin und konstatiert habe: “So, ich kann jetzt lesen, ich brauche nicht mehr zur Schule.” Ich habe als Kind schon Bücher gefressen und habe damit nie aufgehört.
Selbst zu schreiben habe ich nie wirklich ins Auge gefasst, obwohl ich immer wieder angefangen habe, Geschichten zu schreiben. Wirklich ernsthaft habe ich es aber nie versucht. Ich war sogar die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens der festen Überzeugung, dass mir komplett das Talent dazu fehlt.
Dann hat eine der Teilnehmerinnen aus einem Theaterkurs, den ich leitete, einen Fantasy-Roman geschrieben und ihn mir zu lesen gegeben. Der war nicht übel. Heute würde ich ihr raten, mit dem Manuskript mal ein paar Verlage abzuklappern. Tja, und ich habe beim Lesen ständig gedacht: Moment mal, das könnte ich doch auch. Ich habe mir schon als Kind ständig Geschichten erzählt, habe damit eigentlich auch später nie aufgehört – und davon habe ich mir dann etwas gegriffen und es aufgeschrieben. Es war eine erstaunliche Erfahrung für mich, als käme da endlich etwas raus, was schon lange darauf gewartet hat: “Ellorans Traum” ist mir in drei Monaten Schreibzeit förmlich aufs Papier explodiert.
Sie haben auch eine Weile Theater gespielt, als Regisseurin Theaterstücke inszeniert und auch ein kleines Theater selbst geleitet. Inwieweit hilft Ihnen diese Erfahrung heute bei Ihrer Arbeit als Schriftstellerin?
Interessante Frage. Vielleicht habe ich als Schauspielerin gelernt, Figuren zu verstehen und zu verkörpern, die meinem eigenen Wesen eher fremd sind, und als Regisseurin, eine Geschichte zu erzählen und Schauspieler dazu zu bringen, das zu tun, was ich vor dem inneren Auge habe. Dem sind natürliche Grenzen gesetzt, die beim Schreiben nicht gelten, deshalb ist das Herumscheuchen von Protagonisten in der Regel auch sehr viel ergiebiger und erfreulicher als das Streiten mit Schauspielern (lacht). Wobei es mich immer wieder erstaunt, wie viel Eigenleben und Dickköpfigkeit sogar eine erfundene Figur mitbringen kann, das steht manchmal einem realen Schauspieler in nichts nach.
Sie haben in den Jahren 2000 bis 2004 vier Romane im Heyne Verlag herausgebracht. Danach folgte eine lange Schreibpause. Haben Sie in dieser Zeit daran gedacht, mit dem Schreiben aufzuhören, oder hat die Arbeit an „Elbenzorn“ einfach diese lange Zeit in Anspruch genommen?
Ach nein, so lange brauche ich für kein Projekt. Nein, ich habe mich in der Zeit selbstständig gemacht und das hat sich zum ersten Mal als ein Unternehmen herausgestellt, das so zeit- und kraftintensiv war, dass ich nicht nebenher noch schreiben konnte. Außer “IdeenQuotient”, das ist das Label, unter dem meine beste Freundin und ich uns als Texterinnen selbstständig gemacht haben, gab es für mich ein paar Jahre lang kein anderes Thema, bis wir aus dem Gröbsten raus waren.
Ihre ersten vier Bücher erschienen im Heyne-Verlag. Was hat Sie dazu bewogen, für die Erscheinung des Buches „Elbenzorn“ mit dem Piper-Verlag zusammenzuarbeiten?
Friedel Wahren, die zwischenzeitig von Heyne weggegangen war und bei Piper die Phantastik aufgebaut hat. Sie und Ralf Reiter, ein freiberuflicher Lektor, der für alle möglichen großen Verlage arbeitet, waren so etwas wie meine “Zieheltern”, und ich bin immer noch sehr glücklich darüber, dass Friedel Wahren einem so absolut unbeschriebenen Blatt wie mir damals eine so große Chance gegeben hat!
Bei Piper fühle ich mich sehr, sehr gut aufgehoben, das Fantasy-Team unter Carsten Polzins Leitung ist supernett, unglaublich engagiert und gibt einer Autorin das Gefühl, wirklich willkommen und in sehr guten Händen zu sein.
Wen würden Sie in erster Linie als Hauptzielgruppe Ihrer Geschichten sehen? Richten Sie sich in der Ausgestaltung Ihrer Figuren und der Lenkung der Handlung dabei irgendwie an den „Bedürfnissen“ einer gewissen Zielgruppe aus, oder schreiben Sie eher, was Ihnen Spaß macht, weil es Ihnen Spaß macht?
An Zielgruppen denke ich beim Schreiben eigentlich nie, obwohl das marketingtechnisch möglicherweise ein Fehler ist. Ich glaube aber, ich schreibe eher “Mädchen-” als “Jungsbücher”, weil ich die auch lieber lese. Damit meine ich jetzt nicht, dass unbedingt in jedem Buch am Ende eine Hochzeit stehen sollte und zwischendurch der Große, Gutaussehende Fremde die Hilflose Protagonistin aus der Klemme retten muss – oder sie reinbringen. Ich denke eher an Kategorien wie “Schlachtgetümmel”, “Gemetzel”, harte Krieger und weltumspannende politische Verwicklungen im Gegensatz zu eher friedlichen, “kleinen” Themen. bei denen es vor allem um die Interaktion und Geschichte meiner Figuren geht. Der eine oder andere Mord zählt da nicht. Das ist ja von jeher auch Mädelsdomäne. Also eher LeGuin als Tolkien, wenn man zwei Große aus der Fantasy als Beispiel nimmt.
Eine weitere Standardfrage in einem solchen Interview: Was für Hobbys hat eine viel beschäftigte Autorin, neben dem Erfinden und dem Erschaffen neuer Welten?
Lesen. Lesen. Lesen. Wobei das ja weniger unter “Hobby” als viel mehr unter Lebensnotwendiges fällt wie Atmen, Essen, Schlafen. Unsere Katzen, Waldspaziergänge, Fotografieren. Wobei das ein Hobby ist, welches im Moment leider ein bisschen ruht.
Das Schreiben als solches ist ja ein Schaffensprozess. Viele Autoren finden jeweils andere Facetten ihrer Arbeit die sie ganz persönlich besonders faszinieren. Geht es Ihnen da ähnlich? Was begeistert Sie an der Schriftstellerei besonders?
Ich bin immer wieder überwältigt davon, wie eine Geschichte zu leben beginnt. Wenn die Akteure anfangen, sich selbstständig zu machen und loszumarschieren, hechele ich manchmal ganz atemlos hinterher und freue mich über jede Überraschung, die hinter einer Kurve auf mich wartet. Das und der “Flow” der gelegentlich das Schreiben beflügelt, das sind die schönsten Aspekte dabei. Abgelöst leider regelmäßig von diesen Durststrecken, in denen man jede Zeile auf das Papier prügeln muss, in der festen Überzeugung, dass das alles ohnehin nur umgerührter Mist ist, um es mal nicht umgangssprachlich auszudrücken.
Gibt es in Ihrem Alltag irgendwelche komischen/witzigen/ungewöhnlichen Angewohnheiten, von denen Sie unseren Lesern gern erzählen würden?
So etwas wie die rituellen gespitzten Bleistifte von Simenon und sein immer gleiches, abends gewaschenes und morgens wieder angezogenes “Schreibhemd”? Nein, ich fürchte, ich bin schrecklich normal. Ich laufe auf Litern von Kaffee beim Schreiben und esse blind alles, was man mir unter die Nase schiebt. Und das, ohne zu bemerken, dass ich was gegessen habe und was es war. Ich warte immer darauf, dass meine Leute mir erzählen, sie hätten mir ein Schälchen Katzenfutter hingestellt und ich hätte es ohne Protest vertilgt (lacht).
Kurz und knackig
Das mag ich ganz und gar nicht… Chick-Lit.
Gut finde ich…. Musik beim Schreiben, am liebsten Oper. Elbenzorn ist hautpsächlich zu den Klängen von “Tristan und Isolde” und “Götterdämmerung” entstanden.
Das überflüssigste was ich kenne ist… Mikrowellenherde und Laubsauger.
Ein Happy End ist für mich … die Kirsche auf der Sahne auf dem Kuchen. Kein Muss, aber ein sehr befriedigendes “Kann”, wenn es denn passt.
Über Ihre Arbeit
Viele Schriftsteller betreiben das Schreiben als eine Art „Nebenberuf“. Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie noch einen anderen „Brotberuf“ neben der Schriftstellerei?
Ja, ich schreibe. Das heißt, ich arbeite als “Ghostwriterin” für alle möglichen Anlässe wie Reden, Bewerbungen, Biographien, Firmenchroniken, eben alles, was meine Kunden von mir haben wollen.
Wie lange haben Sie an Ihrem gerade erschienen Buch „Elbenzorn“ ungefähr gearbeitet?
Reine Schreibzeit ca. sieben, acht Monate. Danach kam noch die Arbeit mit dem Lektorat, aber das war nicht mehr sehr wild. Ein paar dringend nötige Kürzungen, das war es im Wesentlichen.
An welchen Projekten arbeiten Sie momentan, bzw. was ist als nächstes geplant?
Ich habe einen Stapel an Projekten in der Warteschlange, wie eigentlich immer. Aktuell schreibe ich an der Vorgeschichte von “Elbenzorn”, sie trägt den Arbeitstitel “Elbendieb” und erzählt von dem Halbelben Lluigolf, einer renitenten Prinzessin namens Vanandel und den geheimnisvollen und gefährlichen Seelentrinkern. Das Buch erscheint im Herbst nächsten Jahres; und 2009 folgt dann ein Projekt, das ich schon länger mit mir herumtrage: Die Geschichte einer Magierin in einer orientalisch anmutenden Welt, in der Drachenmenschen und Magierorden herrschen. Auf die Arbeit daran freue ich mich schon sehr.
Kommen wir einmal direkt auf Ihr aktuelles Buch „Elbenzorn“ zu sprechen. Wie kamen Sie auf die Idee für dieses Buch? Die Definition der „dunklen“ Elben und die Erklärung für die Unterschiede zwischen den „Dunklen“ und den „Goldenen“ Elben weicht ja doch stark von dem ab, was man so aus den allgemein bekannten Fantasywelten kennt. Und auch die Handlung und vor allem ein solches Ende wird man kaum in anderen Fantasywelten finden.
Vielleicht liegt es daran, dass ich vor diesem Projekt keine besondere Affinität zu Elben oder Elfen hatte. Natürlich kannte ich die Tolkienschen Elben, die Feenwelt aus “Little Big”, die Elfen von Susanna Clarke, was man halt so kennt. Aber ich hatte keinerlei Ehrgeiz, selbst etwas zu diesem Thema beizutragen.
Dann kam die Anfrage von Piper, und die Herausforderung hat mich sehr gereizt. Ich habe mir überlegen müssen, was mich an Elben überhaupt interessieren könnte und aus diesen Überlegungen ist dann nach und nach die Geschichte eines geteilten Volkes entstanden, das an dieser Teilung langsam zugrunde zu gehen droht.
Ich denke, meine Elben sind mit ihren Konflikten, Intrigen und Problemen alles in allem recht menschenähnlich geraten.
Auffällig an der Geschichte ist, dass ein beachtlicher Teil der Helden in ihren jeweiligen Kulturen Außenseiter sind. Da wäre der Zwerg, der als Magiebegabtes Wesen von seinem Volk verbannt wurde, da wäre der Halbelb und nicht zu vergessen natürlich die dunkle Elbin, die ja die Geschichte erst ins Rollen bringt. Darf man da auch so ein wenig ein Plädoyer gegen Vorurteile herauslesen oder sind diese Charaktere willkürlich gewählt?
Eine Autoren-Kollegin, die mich schon lange kennt, hat zu meinen Manuskripten mal gesagt, ich schriebe immer über Outcasts. Diese Aussage hat mich damals zwar überrascht, aber sie hat wohl Recht. Glatte HeldInnen lassen mich kalt, dazu würde mir nichts einfallen. Mich interessieren vor allem Charaktere mit Widerhaken; Protagonisten, die es aus irgendwelchen Gründen schwer mit sich, ihrem Leben und der herrschenden Gesellschaft oder Weltanschauung haben.
Als “Privatmensch” tappe ich ganz sicher genauso gelegentlich in eine Vorurteilsfalle wie jede/r andere auch, davon will ich mich gar nicht freisprechen. Aber als Fantasyautorin spiele ich natürlich gerade mit dem Bruch gängiger Ansichten. Vorurteile entstehen aus einer Mischung von vorgefassten Meinungen, Engstirnigkeit, Provinzialität und Denkfaulheit. Ich versuche, im Leben wie im Schreiben, diese Mischung so weit wie möglich zu vermeiden.
Als die Handlung ein wenig in die orientalische Kultur eintauchte, fiel mir auf, dass manche Dinge den tatsächlichen alten orientalischen Traditionen nachempfunden sind. Andere Autoren nehmen sich auch in solchen Kulturen oftmals die Freiheit heraus, ihre eigene kleine Welt zu erschaffen. Der Bezug zu historischen Traditionen, wie der Begrüßung eines Gastes mit Datteln, Salz und Brot, ist eher selten zu finden. Sie selbst haben ja gerade auch erwähnt, dass eines Ihrer nächsten Projekte ebenfalls in einer orientalischen Welt spielt. Woran liegt dieses Interesse an den orientalischen Kulturen oder kann man da schon fast Vorliebe sagen?
Diese Begrüßung hab ich mir selbst ausgedacht – und die Datteln waren dabei ja nahe liegend. Ich freue mich natürlich, dass das authentisch rüberkommt! Wenn ich eine Kultur oder Gesellschaft beschreibe, bemühe ich mich, mich in die Lebensumstände hineinzudenken und nachzuempfinden, wie vor allem der Alltag aussehen könnte.
Als es um die Entwicklung der Sandläufer ging, habe ich mich natürlich auch per Internet ein bisschen schlau gemacht über Berberkulturen. Die Namen meiner Wüstenbewohner fand ich zum Beispiel auf einer französischen Internet-Seite, sie sind Bezeichnungen von Wüstenpflanzen in Tamasheq, der Sprache der Tuareg. Die dazugehörige Schrift, das Tifinagh, hätte ich auch noch gerne irgendwo untergebracht, aber das hat sich nicht ergeben.
Mein “orientalisches” Projekt habe ich in den Grundzügen schon vor ein paar Jahren entworfen, und es ist eigentlich Zufall, dass ich da auch ein Orient-Setting geplant habe. Das Ganze wird dann kombiniert mit einer vom alten Rom inspirierten Gesellschaft als Gegenpart. Meine Bilder von der orientalischen Kultur stammen aus so buntgewürfelten und teilweise fragwürdigen Quellen wie Karl Mays Orientbüchern, Märchen aus Tausendundeiner Nacht, Hauff, Wieland, Beckford, Rafik Schami, was man halt so zu lesen bekommt.
Natürlich gehört auch Recherche zum Schreiben. Das ist eine schöne Inspirationsquelle und ich liebe das Internet, das diesen Teil des Jobs so wunderbar erleichtert. Aber da ich ja glücklicherweise Fantasy schreibe, darf ich in letzter Instanz einfach alles erfinden, was mir gefällt. Wahrscheinlich wird mein Fantasy-Orient eine wilde Mischung aus Tausendundeiner Nacht und Karl May, Osmanischem und Mogul-Reich, ganz sicher nichts für Historiker!
Was mich daran reizt, ist die Abwechslung zu dem inzwischen ziemlich abgenutzten High-Fantasy-Bühnenbild eines quasi mitteleuropäischen Quasi-Mittelalters. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Geruch frischer Farbe und den Anblick einer weniger rissigen Leinwand.
Nun ein bisschen Möglichkeit zur Eigenwerbung: Warum sollte man das Buch auf jeden Fall gelesen haben?
Weil es, glaube ich, gute Unterhaltung ist. Nicht weltbewegend originell, ganz sicher kein Kandidat für irgendeinen Literaturpreis, aber den bekommt man als Fantasy-Autorin ja sowieso eher nicht, aber ganz sicher unterhaltsam und spannend zu lesen, jedenfalls behaupten das meine LeserInnen.
Wie würden Sie den Prozess des Entstehens einer Figur charakterisieren? Gehen Sie hin und fertigen „Charakterblätter“, wie man sie aus Rollenspielen kennt? Oder entstehen Ihre Figuren „nur“ in Ihrem Kopf und werden dann direkt in Ihre Geschichten eingebaut?
Vor Charakterblättern hab ich sehr viel Respekt. Da sitze ich vor und mir fällt nichts ein. Nein, die Figuren entstehen in meinem Kopf und laufen da eine Weile herum, bis sie flügge sind und aufs Papier dürfen. Zu dem Zeitpunkt gibt es eine Menge Dinge, die ich über meine Figuren nicht weiß, und die ich erst während des Schreibens erfahre.
Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Ihre Charaktere immer wieder eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Wie ist das mit den Handlungen Ihrer Geschichten an sich? Werden Sie auch dort immer mal wieder von ungeplanten Entwicklungen „überrascht“ oder haben Sie schon am Anfang eines Projektes den genauen Ablauf fest geplant?
Ursula LeGuin schreibt in ihrem Autorenworkshop (“Steering the Craft”): “Die Welt ist voller Geschichten. Sie brauchen nur ein oder zwei Figuren oder eine Unterhaltung, eine Situation oder einen Ort, und Sie finden Ihre Geschichte. Natürlich denken Sie vorher über Ihre Idee nach und arbeiten Sie so weit aus, dass Sie zumindest die Richtung kennen – der Rest passiert, während Sie erzählen. (…) Das Geschichtenboot (ist) ein magisches: Es kennt seinen Kurs. Die Aufgabe der Person am Ruder ist, ihm zu helfen, ans Ziel zu gelangen.”
Glauben Sie mir, als ich das aus dermaßen berufenem Munde gehört habe, ist mir ein Brocken vom Herzen gefallen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich beim Schreiben etwas grundlegend falsch mache. Aber tatsächlich entwickeln meine Romane sich ganz genau so: ich habe eine Keimzelle, die meistens aus ein, zwei, drei Figuren besteht, einer kleinen Situation, einem Bild, einer Atmosphäre. Alles andere entwickelt sich beinahe zwangsläufig daraus. Nicht, dass ich nicht versuche, den Plot, die Handlung vorher zu planen und schon im Groben zu fixieren, aber ich muss damit rechnen, dass ich am Schluss an einem ganz anderen Ende des Labyrinthes wieder ans Tageslicht gelange, als meine Planung es vorgesehen hat. Das Gute daran: Nicht nur ich werde manchmal von den Kurven, die meine Handlung nimmt, überrascht, auch meine LeserInnen können nicht immer vorhersehen, was geschehen wird. Solange ich mich selbst beim Schreiben überrasche, wird die Geschichte auch für andere nicht allzu vorhersehbar ausfallen.
Wie sind die Leute in Ihrem Umfeld und Ihrem Bekanntenkreis Ihrer Arbeit als Autorin gegenüber eingestellt?
Sehr positiv und sehr unterstützend. Ich muss sagen, dass ich da wirklich Glück habe, wobei es natürlich hilft, dass ich auch “echte” Veröffentlichungen vorzuweisen habe. Das macht es auch einem selbst leichter, zu behaupten, man sei “Autor”. Dafür habe ich mental vier Veröffentlichungen benötigt – vorher hätte ich mich dabei gefühlt wie eine Hochstaplerin. Es ist ja nach wie vor nicht so, dass ich damit auch meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Aber das können die allerwenigsten meiner KollegInnen.
Inwiefern sind Ihnen Ihre Ausbildung und Ihre Arbeit in der Buchbranche bei der Suche nach Verlagen hilfreich gewesen?
Insofern, als ich zumindest wusste, bei welchen Verlagen ich mit Fantasy überhaupt anklopfen kann. Ich kannte die Verlagsprogramme und ich wusste, wie man an die Adressen herankommt. Mehr dann aber auch nicht. Detaillierte Kenntnisse des Verlagswesens und der Buchherstellung hat man als Buchhändlerin gewöhnlich auch nicht.
Viele unserer Leser beschäftigen sich selbst auch mit der Schriftstellerei bzw. schreiben selbst gern ihre Gedanken und Geschichten auf. Und natürlich träumen einige davon, eines Tages „den großen Wurf“ zu landen. Können Sie diesen Jungautoren einen Rat mit auf den Weg geben?
Viel lesen, regelmäßig schreiben, ruhig auch mal versuchen, große Vorbilder zu kopieren, immer schön das Handwerk trainieren. Es nützt, wenn man sich mit anderen Schreibenden austauscht, hierzu gibt es ja im Netz reichlich Gelegenheit in Schreibgruppen und Autorenforen. Kritikfähigkeit ist wichtig, man muss sich und seine Arbeit hinterfragen können, um sich weiter zu entwickeln. Und dann braucht man vor allem viel Geduld und Durchhaltevermögen. Und ein bisschen Realitätssinn schadet auch nicht: Der “große Wurf” gelingt nur ganz, ganz selten. Darauf zu rechnen hat was von festem Vertrauen auf einen Sechser im Lotto.
Eine Frage, die uns auch immer wieder interessiert, ist die Einstellung einzelner Autoren zu Literaturagenturen. In den USA sind diese ja bereits seit langem ein fester Bestandteil der Verlags- und Buchhandelsszene. In Deutschland entwickelt sich das erst relativ langsam. Wie stehen Sie selbst dieser Thematik gegenüber?
Sehr positiv, weil ich das Glück habe, von einem wirklich fähigen, kompetenten und darüber hinaus auch noch supernetten Agenten vertreten zu werden, von Bastian Schlück. Ich freue mich heute noch darüber, dass er mich unter seine Fittiche genommen hat.
Natürlich geht es auch ohne Agentur, man kann sich als Autor durchaus alleine vertreten. Aber der Sachverstand, das Fachwissen, die Branchen- und Marktkenntnis, die eine Agentur mitbringt, müsste man sich erst mal erarbeiten. Ganz zu schweigen von den Kontakten zu Verlegern! Es ist einfach so: Wenn eine Agentur mit einem Manuskript an einen Verlag herantritt, kann der davon ausgehen, dass das kein Schrott ist, und wird es sich wahrscheinlich eher einmal ansehen, als wenn es nur einfach so von einem Nobody abgeschickt auf den Lektoratsschreibtisch flattert. Wie ich das mit meinem Erstling gemacht habe. Ich bin jetzt noch manchmal ganz baff, dass ich damals so unverschämt viel Glück gehabt habe.
Gibt es noch etwas, was Sie unseren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchten?
Noch vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: “Leute, seht euch auch mal deutsche Phantastik-Autoren an. Wir sind nicht schlechter als die Amis.” Das Leseverhalten hat sich aber inzwischen doch gewandelt, und das ist gut!


